Aber bin ich dann nicht egoistisch? 

Von Julia Söllner, 29.01.24

Andrea (58) kam ins Coaching, weil sie schon lange unglücklich in ihrer Ehe war. Eine Trennung war für sie bislang aber nicht machbar. 

Mir fiel auf, dass Sie eine depressive Stimmung umgab. Ihre Stimme war gedämpft und ihre Körperhaltung geduckt. Sie wich Augenkontakt aus. Als wäre sie gar nicht wirklich da, dachte ich.


“Ich verstehe nicht, warum ich nicht ausziehe. Mein Mann und ich haben nichts gemeinsam, wir leben in völlig unterschiedlichen Welten. So oft denke ich über eine Trennung nach, tue aber nichts. Dann bin ich sauer auf mich, weil ich das nicht hinkriege.”


Ein innerer Konflikt, dachte ich. Einerseits will sie sich trennen, andererseits scheint es etwas in ihr zu geben, dass sie auch davon abhält. Um zu verstehen, was genau das ist, sprachen wir über Andreas biografischen Hintergrund. 


Sie wuchs in einer Kleinstadt mit 2 Geschwistern auf, sie war die Älteste. Der Vater arbeitete in der örtlichen Politik, man kannte die Familie.

“Muss das sein? Die Leute gucken!” hörte sie oft von ihrer Mutter, wenn Andrea sich mal für einen Moment vergaß und Quatsch machte. 


“Sie mussten in ihrer Kindheit viel funktionieren und Regeln befolgen”, schilderte ich meinen Eindruck. “Wann durften Sie mal tun, was sie wollten?” 

“Immer ging es nur darum, was die anderen wollten!”, platze es aus ihr heraus. “Und wenn ich mal wütend wurde, sprach meine Mutter tagelang nicht mit mir.”


Was lernt ein Mensch über sich und seine Bedürfnisse, der in so einem Umfeld groß wird? 


  • dass man selbst und das, was man fühlt und möchte, nicht so wichtig ist (weil es wichtiger ist, einem bestimmten Bild zu entsprechen)
  • dass es sinnlos ist, sich dagegen zu wehren (da Ignoranz als Strafe - eine der schlimmsten Strafen für Kinder)


Ich lud Andrea dazu ein, in eine achtsame Haltung zu kommen und mit energischer Stimme den Lebensthemen-Satz zu sagen: 


“JETZT BIN ICH MAL DRAN!”


Sie riss die Augen auf und fragte: “Aber bin ich dann nicht egoistisch?!”

Ich: “Zwischen Egoismus und sich und seine eigenen Bedürfnissen zu achten, gibt es einen Unterschied. Bislang kennen Sie das andere Extrem sehr gut - die Selbstlosigkeit. Es gibt aber nicht nur schwarz oder weiß. Dazwischen gibt es viele andere Möglichkeiten. Wenn Sie sich von ihrem Mann trennen, nehmen sie sich selbst ernst und handeln entsprechend. Das ist nicht Egoismus, das ist Selbstachtung.” 


Andrea schaute mich an. Es arbeitete in ihr. 

“Jetzt bin ich mal dran…”, sagte sie mit leiser Stimme und lächelte. 

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