Ja. Nein! Äh... Jein?!
Von Julia Söllner, 28.03.19
Innere Zerrissenheit kennen wir sicher alle. Wenn schnelle Antworten gefragt sind oder vor allem große Entscheidungen anstehen, stecken wir innerlich schnell mal fest im "Einerseits ja..., aber andererseits…"
Oder es passiert, dass wir zuerst "ja" zu etwas sagen und nach einer Zeit merken: "Obwohl - nein! Eigentlich möchte ich lieber..."
Ob es darum geht, einen neuen Job anzufangen oder doch beim Altgewohnten zu bleiben, sich zu trennen oder nicht, ob (und wie) wir ein Gespräch führen, dass uns bevorsteht oder Allgemein mehr Klarheit zu bekommen: Herauszufinden, was wir wirklich wollen ist oft gar nicht so leicht.
Was wir dafür brauchen ist: Klärung mit uns selbst.
Um die innere Uneinigkeit, das Für und das Wieder, das Eigentlich und das Aber zu
verstehen und zu sortieren, kann uns deshalb zunächst helfen, unsere
unterschiedlichen inneren Meinungen und Gefühle einmal genauer zu beobachten,
unseren Gedanken (dem Ja - und dem Nein - und dem Jein) konkret zuzuhören, mal nachzuspüren, was hinter den Meinungen steckt. Kurzum: Die Aufmerksamkeit nach innen zu richten.
Und wenn wir hier von unterschiedlichen inneren Meinungen sprechen, heißt das nicht, dass mit uns etwas nicht in Ordnung ist. Ganz im Gegenteil: Wir alle haben viele verschiedene Facetten und Anteile unserer Persönlichkeit, die sich auch in ganz unterschiedlichen Gedanken und Gefühlen zeigen können.
In der psychologischen Literatur wurde sich vielfach mit diesem Thema beschäftigt. Der Hamburger Psychologe Friedemann Schulz von Thun redet zum Beispiel vom Umgang mit dem inneren Team.
Wie kann sich so eine innere Meinungsverschiedenheit nun zeigen? Beispiele.
Den berühmten Schweinehund gegen den inneren Moralapostel kennen wir wahrscheinlich alle. Ins Gym oder auf die Couch? Salat oder Pizza? Das YouTube-Video gucken oder doch endlich mal das Buch vornehmen? Da stehen sich zwei Anteile unserer Persönlichkeit gegenüber, die unterschiedliches wollen.
Oder:
Susi fragt Peter zum dritten Mal, ob sie bei ihm die Hausaufgaben abschreiben darf.
Peter reagiert zögerlich und sagt dann mit leicht unzufriedenem Gesichtsausdruck: "Hm...ja… in Ordnung."
Wenn wir hier nur das gesprochene Wort ansehen, scheint ja alles klar zu sein - Peter findet es doch in Ordnung, oder nicht? Einerseits, ja. An seiner zögerlichen Reaktion und seiner Mimik lässt sich aber ebenfalls erkennen, dass nicht all seine inneren Anteile in Ordnung damit sind. Da meldete sich z.B. ein Anteil, der denkt: "Zum 3. Mal?! Ich habe viel Arbeit in die Hausaufgaben gesteckt und sie hat sogar einige Male gefehlt in der letzten Zeit!" Und dann kam noch ein anderer Gedanke in ihm auf: "Nun sei doch nicht so kleinlich und gib’ ihr die Hausaufgaben - du willst doch ein wahrer Freund sein?!"
An diesem Beispiel wird ersichtlich, was sich manchmal in uns abspielt. Wir
sagen zwar nach außen “Ja“ oder “Nein“ zu etwas. Davor, währenddessen oder danach melden sich aber innerlich viele verschiedene Anteile mit ihren Gedanken und Gefühlen zu einer jeweiligen Situation.
Die Folge ist ein innerlich unrundes Gefühl, widersprüchliche Mimik und Gestik, Aufschieberei (weil wir zwar "ja" gesagt haben, eigentlich aber nicht wollen), innerliche Kündigung im Job (nur das Nötigste machen) oder auch in der Beziehung (zwar da sein, aber nicht zuhören, körperliche Nähe verweigern).
Und wenn sich ein starkes, innerliches Für und ein ebenfalls kraftvolles Wieder im Duell direkt gegenüber stehen, wissen wir oft gar nicht, was wir wollen. Ein "Ich weiß nicht" ist da oft die einzige Lösung. Verdeckt aber letztlich 2 starke Meinungen, die nicht weiterkommen.
Was also tun?
Um Entscheidungen zu treffen, die all unsere inneren Anteile mit ihren Argumenten und Gefühlen berücksichtigt, müssen wir uns also zunächst klar darüber werden, was - oder wer - sich im Hinblick auf eine Frage oder Entscheidung alles in uns meldet.
Was ist unser erster Gedanke, was oder wer meldet sich sofort? Was denken wir danach und welcher Gedanke meldet sich vielleicht noch etwas später, oder erst am nächsten Tag? Welche Gefühle melden sich? Was ist laut, was leise, was ist stark und was vielleicht nur ganz schwach spürbar / hörbar?
Unsere Gedanken aufzuschreiben, um sich einen Überblick zu verschaffen, kann da sehr klärend sein. So gelingt es uns, unser gedankliches Hin und Her einzufangen und Schwarz auf Weiß vor uns geschrieben zu sehen. Um dann zu sehen: Welche Erkenntnisse ergeben sich eigentlich daraus? Vielleicht sehe ich dort Dinge geschrieben, die im gedanklichen Durcheinander nur eine leise oder - durch ein Gefühl ausgedrückt - gar keine konkrete Stimme bekommen und deshalb immer unklar geblieben sind - eigentlich aber wichtig sind.
Auf dieser Grundlage können wir auch besser nachfühlen, wozu wir uns entscheiden wollen. Denn Argumente sind das Eine, das richtige Gefühl das Andere. Und das weiß meistens schon früh, was es eigentlich will. Wir haben oft nur verlernt, darauf zu hören oder denken, wir müssten uns dafür rechtfertigen.
Im Beispiel von Susi und Peter wäre ein Kompromiss eine stimmige Möglichkeit, um dem Einerseits-Andererseits Peters innerer Anteile gerecht zu werden. Er könnte sagen: "Ok, noch dieses Mal. Wenn du Probleme mit den Hausaufgaben hast, können wir uns auch mal zusammen hinsetzen und sie gemeinsam erledigen, was meinst du?" So wird Peter seinem hilfsbereiten Anteil gerecht, aber auch dem, dem Gerechtigkeit wichtig ist und ebenfalls einem anderen Anteil, der ein guter Freund sein will.
Bei weitreichenden Entscheidungen kann es daher gut sein, sich Zeit zu nehmen, um sich über all seine Gedanken und Gefühle klar zu werden. Die berühmte Nacht drüber schlafen kommt da nicht von Ungefähr. Denn nicht alles ist sofort greifbar - manches zeigt sich erst durch ein unklares Gefühl und will erst einmal reflektiert und entdeckt werden.
Ich unterstütze Klient:innen bei dem Prozess des sich-klar-werdens. Denn manchmal geht es auch weniger um die Entscheidung selbst als vielmehr um den Umgang mit den sich daraus ergebenden Konsequenzen. Das kann bedeuten, sich mit neuen Seiten zu zeigen, "nein" zu sagen, Partner:innen vielleicht zu enttäuschen oder dem Chef abzusagen. Also Grenzen zu setzen, dafür aber "ja" zu sich selbst sagen. Und sich damit die Chance zu geben, authentisch zu leben.
Schlussendlich ist immer am wichtigsten - egal ob es um kleinere oder große Dinge geht - dass wir ehrlich damit sind, was wir wirklich wollen. Und was sich für uns und im Kontext der Situation gut und stimmig anfühlt. Und das mag manchmal auch verborgen und dechiffriert hinter all unseren inneren Anteilen liegen.