"Wieso mache ich mich ständig so runter?!" 

Von Julia Söllner, 02.10.24

Vor mir im Online-Coaching saß Anna, 45 Jahre. Sie wirkte verzweifelt - und erschöpft. 



„Egal, was ich mache, ich kritisiere mich für alles. Die Stimme in meinem Kopf ist so unerbittlich - ich kann echt nicht mehr!“

Sie ist verheiratet, Mutter von 2 Kindern, arbeitet halbtags in einem Architekturbüro. Die Familie wohnt im Grünen, ihnen geht’s finanziell gut. 

„Ich kann das nur alles nicht genießen, weil ich mich ständig wie die abgefuckteste Versagerin fühle!!!“ Sie riss die Augen auf und entschuldigte sich sofort mehrfach für ihre „absolut unpassende“ Wortwahl. 



Als wäre sie kurz mal ausgebrochen aus ihrem starren Regelwerk, dachte ich… 

Anna erzählt von früher. Als sie 8 war zog ihre Mutter für 3 Jahre zu den schwerkranken Großeltern, die zu Hause Unterstützung brauchten. „Ich und mein Bruder Daniel haben dann nach der Schule meist bei unserer Nachbarin gegessen, Hausaufgaben gemacht und gewartet bis Papa abends von der Arbeit kam. Daniel war damals erst 4 und hatte oft Angst.“ 

„Wie war das während deiner Teenage-Jahre so?“, fragte ich.
„Ich war gut in Leichtathletik, hörte aber mit 15 auf, weil die Hin- und Herfahrerei zu teuer wurde. Das war aber ok. Lesen hat mir auch Spaß gemacht“, sagte sie.  

Ich bat Anna in eine achtsame Haltung zu kommen. Und dann den Satz zu sagen: 

Ich muss nicht immer stark sein. 

Anna brauchte eine ganze Weile. Sie wirkte traurig, aber auch erleichtert.

Ich sagte zu ihr: „Du bist immer noch das tapfere Mädchen, das nie aus der Reihe tanzt und versucht, alles richtig zu machen - um deinen Eltern nicht noch zusätzlich Probleme zu machen. Die waren viel weg, die Großeltern waren sehr krank und dann warst du auch noch für deinen Bruder verantwortlich. Dabei warst du ja selbst noch ein Kind.“ 

Sie schaute mich an. In ihr arbeitete es. „Ja….. Und was will dann dieser harte innere Kritiker in mir?!“ 

„Der tut wohl bis heute sein Bestes, um dich in der Spur zu halten. Er sorgt dafür, dass du vorbildlich funktionierst. Korrigiert dich sofort, passt auf, dass nicht der kleinste Fehler passiert. So dass du dich selbst und alles andere immer perfekt im Griff hast - um anderen nicht zur Last zu fallen.“

Annas Blick wirkte plötzlich wacher. „So habe ich das noch nie gesehen. Ha! Das hat er ja gut geschafft! Aber es stimmt ja total: Ich muss nicht immer stark sein. Ich bin auch nur ein Mensch!

Ich: „Genau. Und du darfst selbst entscheiden, wann und wo du Mensch sein möchtest. Wo aus der Reihe tanzen auch mal völlig ok ist oder dass es halb so schlimm ist, wenn es - oder du - mal anders läuft als geplant. Das legt bei DIR und nicht beim Kritiker.“ 

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