"Kann ich das überhaupt?!"
Von Julia Söllner, 03.03.24
Vor mir im Online-Coaching saß Mona, 43 Jahre alt. Sie wollte seit einiger Zeit in ihre Selbstständigkeit starten, das klappte allerdings nicht gut.
„Ich habe regelmäßig Blackouts, wenn es um das Verkaufen meines Angebots geht und zweifele die ganze Zeit, ob ich das alles überhaupt kann?! Dabei arbeite ich schon seit 15 Jahren in dem Bereich und bekomme immer super Feedback.“
Als Mona ihren Werdegang beschrieb, fiel mir auf, dass sie es ziemlich weit geschafft hatte im Vergleich zu ihrer Herkunftsfamilie. Denn aufgewachsen ist sie in einem eher einfachen Umfeld, die Eltern hatten wenig Geld.
Die Mutter wollte zwar immer arbeiten, ist aber nach den Kindern Hausfrau geblieben, der Vater arbeitete als Kraftfahrer in einem Speditionsunternehmen. Ihr größerer Bruder arbeitete später bei der Post, er lebt allein. Als es um Monas beruflichen Weg ging, hörte sie oft von ihren Eltern: „Ramona, lieber kleine Brötchen backen, dann kann nicht so viel schiefgehen“.
„Erstaunlich, welchen Weg du trotz dessen bislang gegangen bist. Kleine Brötchen backst du ja nicht gerade“, scherzte ich ein wenig.
Mona dachte einen Moment nach.
„Das stimmt… Ich mache vieles anders als meine Familie. Wenn mein Vater wüsste, was ich bislang in Weiterbildungen investiert habe - unvorstellbar.“
Ich: „Und mit der offiziellen Selbstständigkeit willst du ja jetzt noch einen Schritt weitergehen.“
Warum es uns schwerfällt, durch manche Türen zu gehen.
Leben Kinder ein sehr viel „besseres“ Leben als ihre Familie, kann das zu unbewussten Loyalitätskonflikten führen. Sie treten aus dem ursprünglichen Milieu, aus dem sie kommen, heraus, verdienen vielleicht besser, verwirklichen sich, sind glücklicher, erfüllter. Was grundsätzlich schön ist, kann für die Kinder jedoch im Inneren auch konfliktbehaftet sein, denn sie distanzieren sich damit auch immer weiter von ihrer Herkunftsfamilie und deren Lebensstil.
Ich bat Mona, eine achtsame Haltung einzunehmen, ihre Augen zu schließen und den Lebensthemen-Satz zu sprechen:
„Ich muss nichts mehr wiedergutmachen.“
Mona zögerte und schaute mich fragend an: „…wiedergutmachen?“
„Deine berufliche Blockade ist der unbewusste Versuch, deiner Familie gegenüber loyal zu bleiben“, sagte ich.
"Du lebst ja schon ein "besseres" Leben als das deiner Eltern - bist in die Großstadt gezogen, verdienst gutes Geld, lebst in einer glücklichen Beziehung, gehst auf Reisen, verwirklichst dich beruflich. Gehst du auch noch diesen nächsten Schritt, ist dein Leben noch mehr ein anderes als das deiner Eltern, die Distanz wird größer. Die Wiedergutmachung besteht darin, dass du dafür sorgst, dass du diesen Schritt nicht gehst.
Es arbeitete in Mona.
"Als Erwachsene geht aber beides - dir die Erlaubnis zu deinem eigenen, erfolgreichen Leben zu geben und trotzdem einen guten Kontakt zu deiner Familie zu haben“.
Mona dachte noch eine ganze Weile nach.
„Ich glaube, ich beginne zu verstehen…“
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