Sitzt du im Gedankenzug?
Von Julia Söllner, 03.12.23
Michael kam ins Coaching, weil er sich seit langer Zeit gehetzt fühlt, nie richtig abschalten kann. Seine to-do-Liste ist nie abgearbeitet, was ihn vor allem in seinem Berufsleben stresst.
„Mir schwirren immer tausend Dinge im Kopf umher, was ich noch erledigen muss, was noch kommen wird, was ich beachten muss - es hört nicht auf. Und auch im Privatleben: Ob Einkaufen, Sport, die Kinder ins Bett bringen oder Treffen mit Freunden - ich denke ständig daran, wie ich Abläufe so planen kann, dass sie effizient erledigt werden können. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, grübele ich ewig, warum ich das nicht habe kommen sehen."
„Das stelle ich mir ziemlich anstrengend vor...“, sage ich.
Michael: „Das ist es! Ich komme mir vor wie im Hamsterrad. Es gibt ja immer was zu tun und es muss ja auch alles laufen…“
Michael und ich sprechen über seine Biografie. Als Einzelkind war es hart für ihn, als sich seine Eltern trennten. Da war er 8 Jahre alt war. Den Papa sah er dann nur noch unregelmäßig und die Mutter musste viel arbeiten.
„Ich war schon früh selbstständig. Hausaufgaben habe ich alleine gemacht und kochen musste ich mittags auch immer für mich selbst. Mama musste arbeiten“, erinnert sich Michael. „Schon früh war ich sehr strukturiert, das ist damals auch meinen Schulfreunden aufgefallen. Ich hatte immer einen Plan, hab um jede Ecke gedacht.“
Ich: „Diese Art hat dir damals möglicherweise geholfen, Dinge unter Kontrolle zu halten…“
Michael: „...hm…ja…mag sein.“
Ich: „Kontrolle gibt Sicherheit.“
Michael wurde still. Nach einer Zeit sagte er: „Ja. Ich habe mich schon auch allein gefühlt, keiner war da. Ich musste Dinge selbst im Griff haben. Mama war viel weg, oft müde. Und auf Papa war irgendwie kein Verlass, der hatte schnell eine neue Freundin.“
Ich lud Michael dazu ein, in eine achtsame Haltung zu kommen. Dann ließ ich ihn den Satz sprechen:
„Das Leben trägt mich.“
Michael zögerte kurz, sprach dann den Satz und sagte nach einer Weile zu mir: "Das Leben trägt mich… Was für ein erleichterndes Gefühl! Das habe ich irgendwie noch nie gedacht."
Dieser Satz ist ein innerliches Kontrastprogramm zu dem, von dem Michael bislang unbewusst überzeugt war. Nämlich, dass er immer alles im Griff haben muss und die Verantwortung bei ihm liegt.
„Aber wie hilft mir das jetzt? Ich bin gedanklich so unter Strom, wie soll ich das bloß ändern?“, fragte er.
Ich: „Wer oder was beobachtet denn die Pausen zwischen deinen Gedanken?“
Verhaltensmuster zu ändern ist innere Arbeit. Dabei ist wichtig zu verstehen, dass Gedanken Gefühle bewirken und das zu entsprechenden Handlungen führt. Unsere Gedanken zu beobachten und uns nicht blind von ihnen steuern zu lassen, ist deshalb ein zentraler Ansatzpunkt, wenn wir etwas ändern wollen.
Und sich bewusst zu machen: Wir sind nicht unsere Gedanken, wir haben sie.
Das, was zwischen den Gedanken da ist und was die Gedanken überhaupt erst wahrnimmt - das sind wir. Unser Selbst. Von dieser inneren Beobachterposition können wir unseren Gedanken zuhören - und dann aber selbst entscheiden, was wir damit machen.
Zum Beispiel zu entscheiden, dass das Leben einen trägt. Und den Gedankenzug der inneren Planungswut auch mal vorbeifahren zu lassen.
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