In 6 Monaten ist Weihnachten. 

von Julia Söllner, 27.06.23

Wo ist denn schon wieder die Zeit hin? War nicht eben noch Frühling?! 

 

Während sich ein einziger Tag als Kind angefühlt hat wie eine Ewigkeit, drehen wir uns als Erwachsene einmal um und, schwupps, stehen schon wieder die Schoko-Weihnachtsmänner im Supermarktregal. 

 

Das unterschiedliche Zeitempfinden von Kindern und Erwachsenen ist kein zufälliges Phänomen, hat die Wissenschaft in Untersuchungen nachgewiesen. 

 

Die Erklärung leuchtet ein: Wenn wir jung sind, können wir mehr oder weniger tun und lassen, was wir wollen. Wir entdecken uns und das Leben, schaffen dadurch ständig neue Erinnerungen, sind allgemein weniger gestresst, dürfen mehr als wir müssen. 

 

Sind wir erwachsen, ist unser Leben sehr viel mehr geprägt von Routinen: Wir stehen im Job, kümmern uns um die Familie, jonglieren unseren Alltag, werden risikobewusster. Wir sind eingebunden und gefordert, müssen mehr als wir dürfen. 

 

Doch - die Zeit ist die Zeit. Da kann niemand etwas dran drehen. Und dass wir als Erwachsene mehr Verpflichtungen haben als Kinder, das ist auch klar. 

 

Was können wir also tun, damit uns die Zeit nicht so durch die Finger rinnt? 

 

Zwei Aspekte sind hierbei entscheidend: Wie wir die Zeit wahrnehmen und was wir mit ihr anfangen. Das liegt an uns. Und daran können wir entsprechend auch etwas drehen. 

 

Erleben wir viel, fangen also viel mit unserer Zeit an, dann haben wir einen vollen Terminplan, sind oft unterwegs, arbeiten private und berufliche Aufgaben möglichst effektiv und am besten im Multitasking ab. Oft sind wir auch mit dem nicht endenden Strom der Social Media Feeds beschäftigt. Dann rauscht die Zeit nur so an uns vorbei, weil unsere Aufmerksamkeit permanent auf etwas fokussiert ist. 

 

Unser Gehirn hat unter Stress und ständigem Funktionieren jedoch wenig Zeit, um die einzelnen Momente des Tages bewusst zu erleben, weil ja alles schnell gehen muss. Keine Gelegenheit entsteht, damit Dinge in unser Gedächtnis übergehen können. Das führt dazu, dass wir uns weniger an die jeweiligen Momente des Tages erinnern. So verschwinden die Stunden im Fluss des Tages und die Tage im Fluss der Monate. 


Unser Verstand und die Wahrnehmung. 

 

Wenn wir erwachsen werden, entwickelt sich unser Verstand, um seine Hauptaufgabe für uns zu übernehmen: Negatives von uns abzuwenden und uns möglichst unbeschadet durchs Leben bringen. Zu planen, Risiken abzuschätzen, zu lernen, zu verstehen.

 
Ohne Frage, der Verstand ist ein brillantes Werkzeug, um diese Dinge zu tun. In seinem Analysemodus übersieht unser Verstand letztlich das, was das Wertvollste im Leben ist und die Zeit erst richtig erlebbar macht – das Wahrnehmen des jetzigen Moments. 
 
Denn nur dort findet das Leben ja statt. Wir leben nicht morgen und wir leben nicht gestern, sondern immer nur Jetzt. In jedem Moment, aber auch nur da, können wir uns wahrnehmen, nur Jetzt das Leben leben. Vergangenheit und Zukunft existieren nur in unserem Kopf, in unserer geistigen und emotionalen Erinnerung oder Vorstellung. 

Trotzdem sind wir mit unseren Gedanken fast permanent damit beschäftigt, was war oder sein wird. Versuchen im Kopf Puzzlestücke aus der Vergangenheit zusammenzusetzen, oder fantasieren darüber, wie das Meeting wird, der Urlaub. Und verpassen dadurch das Leben im Jetzt, was ja gerade schon stattfindet.
 
Das alles tut der Verstand nur, um zu verstehen. Denn was er versteht, kann er kontrollieren und was er kontrolliert, das kann ihm nichts anhaben. Nur glücklich werden wir dabei leider nicht zwingend. Denn Glück ist für den Verstand eher schmückendes Beiwerk. Ihm geht es ums Überleben. Daher ist er auch innerlich ständig auf dem Sprung, um wieder zu Planen, zu verstehen und vorauszudenken. Was also tun? 

 

Einfluss nehmen, um unsere Zeit bewusster zu erleben. 

 

Unsere Wahrnehmung: 

Wichtigster Punkt ist hier, sich darüber bewusst zu werden, dass nicht der Verstand über unsere Wahrnehmung bestimmt, sondern wir über unseren Verstand. Wir sind mehr als das, was wir denken. Wir haben Gedanken, wir sind sie nicht. 

 

Mit diesem Ansatz können wir dann bewusster steuern, wo unser Fokus hingeht. Wir können entscheiden, immer mal aus dem permanenten Funktionieren und dem Strom des nie abreißenden News-Feeds auszusteigen.
 
Um dann mit ganz geschärften Sinnen einzutauchen in das, was uns gerade umgibt. Den jetzigen Moment, kein vorhin, kein gleich, sondern einfach nur wir uns die Welt um uns herum. Farben, Licht, Gerüchen und Geräuschen unsere Aufmerksamkeit schenken, wie in Zeitlupe. Einfach wahrnehmen was da ist, ohne zu bewerten. Und auch in unsere innere Welt spüren: Gedanken und Gefühle zu bemerken, ihnen aber nicht weiter nachzugehen. Einfach nur beobachten. Nicht mehr, nicht weniger. Wahrnehmen, wie wir uns fühlen, was in uns vorgeht, ohne direkt in die nächste Aktion zu springen. 

Das Gute ist: In diese geschärfte Wahrnehmung können wir immer und überall eintauchen. An der Ampel, zwischen zwei Meetings, im Supermarkt, beim Mittagessen.

 

Unsere Routinen: 

Aus dem Wahrnehmungs-Tauchgang heraus können wir dann auch wieder gezielter entscheiden, was wir mit unserem Leben anstellen wollen – trotz Erwachsensein, Meetings, Kind und Kegel. Denn bis auf die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse ist unser Leben selbstgestaltet. Zurück in den Strom der to do’s? Weiter durchs Handy scrollen? Letztlich geht es dabei nicht um ein Richtig oder Falsch, sondern darum, ob - und zu was - wir uns bewusst entscheiden.

Und: Je öfter wir etwas Neues machen, desto mehr neue Erinnerungen schaffen wir uns auch. Neue erste Male erleben, etwas ausprobieren.  Wie damals, als wir jung waren. Und das kann, muss aber nicht immer mit aufwändigem Umstrukturieren oder dem spektakulären Urlaub verbunden sein. Mal einen anderen Weg von der Arbeit nach Hause nehmen, dabei das Handy in der Tasche lassen und die eigene Stadt von einer noch unbekannten Seite sehen, liegt auch außerhalb unseres Gewohnten. Oder zum Konzert zu gehen, auch wenn es auf einen Montagabend fällt. Und vielleicht sogar das Handy in der Tasche zu lassen, um alles einfach nur analog aufzusaugen. 

 

Es liegt an uns, uns die Räume und Gelegenheiten dafür zu schaffen, unsere Lebenszeit bewusst und in Echtzeit zu erleben. Was nützt uns schon ein Erinnerungsfoto, wenn wir nicht wissen, wie sich der Moment dazu angefühlt hat?


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