Lieb sein – gut oder schlecht?

Von Julia Söllner, 26.12.23

Na – gut natürlich! 

Das ist wahrscheinlich bei den Meisten der erste Gedanke dazu. Und grundsätzlich ist mehr Freundlichkeit und Wärme in unserer Gesellschaft auch sicherlich etwas, was wir brauchen können. 

Auf ganz individueller Ebene lässt sich das aber auch noch von einer anderen Seite betrachten: 


Menschen, die in einer anspruchsvollen Umgebung aufwachsen, lernen früh zu verstehen, wie sie sein und sich verhalten müssen, um den familiären Frieden zu erhalten und Anerkennung zu bekommen. 


Anspruchsvoll meint hier im Sinne von familiärem Chaos, vielen Konflikten, emotionaler Unsicherheit. Viele Kinder versuchen unbewusst diese Störfaktoren aufzufangen und auszugleichen. Denn die Harmonie in der Familie ist letztlich die Lebensgrundlage eines Kindes. Ist diese nicht gegeben, ist die Existenz der Kinderwelt in Gefahr. 


Besonders emotional sehr begabte und sensible Kinder übernehmen deshalb unbewusst die Verantwortung für die Gefühle ihrer Bezugspersonen. Die feinen Antennen, die Kinder dafür ausbilden müssen, sind in frühen Jahren elementar. Sie helfen ihnen um zu merken, was um sie herum passiert, wie die Stimmung ist, wie sie reagieren müssen um schlichtend zu wirken oder die Eltern zufrieden zu stimmen. 


Das tragische daran ist, dass solche emotional begabten Kinder, wie Alice Miller sie in ihrem Buch „Das Drama des begabten Kindes“ nennt, dafür einen hohen Preis zahlen. Den ihres wahren Selbst. Den ihrer Verbindung zu ihren eigenen Bedürfnissen und Gefühlen, ihren eigenen Grenzen.

Denn die feinen Antennen dieser Menschen sind meist nur nach außen gut gewachsen und ihr ganzes Sein orientiert sich daran, was die Erwartungen im Außen erfüllt. So formt sich ein falsches Selbst. 


Im Erwachsenenalter kann das zu einem schweren Thema werden. Denn ohne Verbindung zu sich selbst fühlt sich das Leben leer an.

„People pleaser“ sind im Hamsterrad des es-allen-recht-machens gefangen und davon abhängig, wie die Stimmung in ihrer Umwelt ist. Ist sie gut, ist alles gut. Ist sie schlecht, sind sie auch „schlecht“ – und vor allem dafür verantwortlich, die Situation zu lösen. Immer für den Preis der eigene Authentizität, des wahren Selbst. Denn die eignen Bedürfnisse bleiben im Inneren verborgen. 


Sich überhaupt richtig kennen, sich wahrnehmen und verstehen lernen - das ist die Reise zum wahren Selbst.

Wer bin ich? 
Was will ich? 
Was brauche ich? 
Wieviel Raum möchte ich mir nehmen? 
Was sind meine Bedürfnisse? 
Spüre ich sie? 


Und dazu gehört im Weiteren auch die Fähigkeit, in Konflikte zu gehen und sie auszuhalten. Also nicht immer lieb zu sein. Wir dürfen lernen, für uns selbst einzustehen und mit dem Spannungsgefühl leben zu können, dass wir anderen damit vielleicht auch etwas zumuten. 

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