"Wie kriege ich das denn alles unter einen Hut?!"
Von Julia Söllner, 09.05.24
Simon, 40, war sichtlich unter Strom. Und ratlos. Seit Jahren versuchte er seinen Job, die eigene Familie, seine Eltern, Ehrenamt und Hobbies gleichzeitig zu jonglieren.
Seitdem er erneut befördert wurde und das 2. Kind auf der Welt ist, hat er Schlafstörungen. Sein Umfeld habe ihn schon vermehrt auf seine Anspannung angesprochen.
„Andere arbeiten doch auch und haben ein Privatleben, wie kriegen die das denn hin? Ich mache und tue, versuche überall zu sein. Und der Tag hat trotzdem nie genug Stunden. Wie kriege ich das bloß alles unter einen Hut?!"
Im gemeinsamen Rückblick auf Simons Werdegang fällt mir auf, dass er schon immer sehr aktiv war und Dinge vorangetrieben hat. Er wirkte früh bei den Pfadfindern mit, dann bei der freiwilligen Feuerwehr, schloß zwei Studiengänge ab, es folgte eine steile Karriere mit Beförderungen. Frau, Hausbau, Kinder.
„Du läufst auf Hochtouren“, sagte ich. „Das muss anstrengend sein über all die Zeit.“
Als Simon von früher erzählt, entsteht in mir ein einsames, irgendwie getriebenes Gefühl. Er war der älteste Bruder neben 2 Geschwistern, die viel Aufmerksamkeit brauchten. Die Eltern waren meist arbeiten. „Papa hat an der Börse sein Erbe verloren als ich klein war, danach machte er sich super viel Druck im Job, wirkte irgendwie zurückgezogen und abwesend. Geld war oft ein Thema.“
„Und welche Rolle hast du in dem Ganzen gespielt?
Er dachte nach. „Naja, ich habe mich dann um vieles gekümmert. Früh angefangen, mein eigenes Geld zu verdienen. Ich wollte da nicht noch mehr Probleme machen.“
Ich bat Simon in eine achtsame Haltung zu kommen und sich innerlich seinen Vater vor ihm vorzustellen. Und ihm dann den Satz zu sagen:
„Papa – ich kann dich nicht retten.“
Simon schnappte nach Luft, brachte den Satz mit schmaler Stimme gerade so raus. „Aber dann lasse ich ihn ja alleine!“
Ich: „Du trägst ein großes Verantwortungsgefühl in dir. Konntest damals nach dem finanziellen Verlust die Anspannung und Traurigkeit deines Vaters schwer aushalten. Und hast dich wahrscheinlich deshalb dazu entschieden, tatkräftig mitzuhelfen. Das lässt dich bis heute rotieren.“
Simon: „Hm. Ja. Puh, das ist hart.“
Ich: „Das Leid der Eltern zu spüren ist auch hart. Es auffangen zu wollen ist aber eine Aufgabe, die ein Kind nicht erfüllen kann - und auch nicht sollte."
Simon atmete laut aus, als ließe er etwas los.
Ich: "Eltern wollen am Ende für ihre Kinder immer, dass sie glücklich sind. Und die Frage ist, ob dein Vater wollen würde, dass du dich so verantwortlich fühlst und deshalb durchs Leben hetzt. Als der Erwachsene, der du bist, darfst du dich neu und frei entscheiden, wie du damit umgehen willst. Und wieviel Verantwortung du auch wieder zurückgeben darfst.“
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