"Wie konnte das alles bloß passieren?!" 

Von Julia Söllner, 06.04.24

Jasmin (32) erweckte in mir sofort das Gefühl, sie beschützen zu wollen. Sie war unauffällig, sehr zurückgezogen im Kontakt, wirkte traurig und irgendwie beschämt.

"Was führt dich zu mir?", fragte ich.  


„Mein Leben ist eine völlige Baustelle. Ich habe gesundheitliche Probleme, muss viele Medikamente nehmen. Die Arbeit ist so stressig, ich bin nur am Funktionieren. Tja, und sonst… Alles was ich wollte, war eine Familie - und nun bin ich alleinerziehend mit meiner 3-jährigen Tochter und mein Ex-Mann ist ein völliger Tyrann. In den letzten Jahren sind so viele Sachen passiert, die ich im Rückblick eigentlich gar nicht wollte. Wie konnte das alles bloß passieren?!“


Im weiteren Gespräch über ihre Ex-Beziehung fiel mir auf, dass Jasmin eigentlich ein ziemlich gutes Gefühl dafür hat, was für sie richtig und falsch ist, was sich gut und was nicht gut anfühlte. Sie konnte klar benennen, was sie gewollt hätte, was sie gestört hat.

Gleichzeitig schaffte es ihr Ex aber immer wieder - und auch andere um sie herum, ihre Familie, FreundInnen und KollegInnen - sie dazu zu bringen, viel zu große Kompromisse einzugehen. Erstaunlich war auch, dass sie das nicht mal groß bemerkte.  


„Wie war das früher…?“ fragte ich, „welche Rolle haben denn deine Bedürfnisse in deiner Familie gespielt?“ 


Sie wurde still. Und die Traurigkeit wieder spürbar. 


„Wenn ich es so überlege… für mich war eigentlich nie groß Raum. Meine Eltern hatten kein Geld, bekamen mich, als sie noch sehr jung waren. Ihre Beziehung war nicht gewollt von den Großeltern, es gab deshalb viel Streit. Was ich wollte, hat da gar keine Rolle gespielt. Ich verbrachte nach dem Kindergarten immer viel Zeit bei meiner besten Freundin zu Haus, ich durfte da mitessen und sein, bis meine Eltern abends Heim kamen. Als ich meinen Ex-Mann später in meinem Leben kennenlernte, dachte ich: Jetzt kommt meine Zeit und mit meiner eigenen Familie werde ich glücklich.“ 


Nicht existieren dürften. 

Wenn Kinder auf die Welt kommen, die nicht gewollt waren, oder die aus anderen Gründen nicht genug geliebt oder auch misshandelt wurden - formt sich in ihnen oft die unbewusste Überzeugung: Mich hätte es eigentlich nicht geben sollen. 
Die Daseinsberechtigung fehlt. Und damit auch das Recht, Bedürfnisse zu haben – und diese auch von anderen erfüllt zu bekommen. 


Ich bat Jasmin in eine achtsame Haltung zu kommen. Und dann den Lebensthemen-Satz zu sprechen: 


„Ich bin ein Geschenk.“


Ihr kamen die Tränen. 
Sie schaute auf den Boden, sagte eine ganze Weile nichts. 
Und dann: „Das berührt mich sehr. Das habe ich noch nie über mich gedacht...“ 


Ich: „Auch, wenn dir der Satz fremd vorkommt - er ist eine Tatsache. Du bist ein Geschenk. Jedes Baby, das geboren wird, ist ein Geschenk. Und jeder hat das Recht darauf, geliebt und gesehen zu werden. Seine Bedürfnisse erfüllt zu bekommen. Genau so wie du. Du hast das aufgrund deiner Beziehungserfahrungen anders gelernt. Und trotzdem bist du ein Geschenk. Es ist schön, dass du auf der Welt bist. Und darfst entsprechend gut mit dir und deinen Bedürfnissen umgehen - und das auch genau so von anderen verlangen.“ 





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