"Und was sollen die anderen denken?"
Von Julia Söllner, 26.06.25
Um solche Fragen geht es viel in meinen Coachings. Oder um: Was soll meine Mutter / Oma / Vater / Schwester denken, der Arbeitskollege, die Chefin, die Nachbarn, meine Freunde. Die Anderen sind ein weites Feld.
Diejenigen, die das viel beschäftigt und stark in ihren Entscheidungen beeinflusst, haben oft eines gemeinsam: Einen ausgeprägten „Mach’s allen Recht-Antreiber“.
Wie zeichnet sich ein solcher Antreiber aus?
Zum Einen dadurch, dass du ein feines Gespür für Stimmungen um dich herum hast und du - meist auch ohne dass jemand etwas sagt - merkst, was er oder sie will. Zum Anderen zeichnet sich der Antreiber im Verhalten dadurch aus, dass du dich meist ganz automatisch nach den Wünschen und Bedürfnissen der anderen richtest - anstatt zu priorisieren, was du selbst willst. Das bedeutet auch, dass du Konflikte und schwierige Gespräche meidest, schlecht „Nein“ sagen kannst und dir Harmonie sehr wichtig ist.
Weshalb entsteht ein „Mach’s allen Recht“-Antreiber in uns?
Das Modell der 5 inneren Antreiber stammt aus der Transaktionsanalyse (E.Berne). Die Verhaltensmuster entstehen in der Kindheit und waren eine Garantie für die Anerkennung und Liebe unserer engsten Bezugspersonen - oder sie halfen dabei, Negatives zu vermeiden, wie z.B. Liebesentzug oder andere Bestrafungen. Sie bringen grundsätzlich viele gute Qualitäten mit sich - sind unsere Antreiber jedoch sehr stark ausgeprägt, überwiegen die Gefahren, die dieses Muster mit sich bringt.
Antreiber entstehen unbewusst - und von Kindesbeinen an: Vielleicht sind wir als absolutes Wunschkind in die Welt geboren worden - also mit hohen Erwartungen unsere Eltern glücklich zu machen - und haben diese ganz rollenkonform von Beginn an erfüllt. Oder vielleicht hatten wir auch Geschwister, die viel Aufmerksamkeit brauchten - und wir wurden deshalb zum „unproblematischen Kind“, um das Familiensystem nicht noch weiter zu belasten. Oder unsere Eltern hatten immer alle Hände voll zu tun oder große Probleme zu bewältigen und wir wollten es ihnen unbewusst durch ein angepasstes und liebes Verhalten leichter machen.
Doch der starke Fokus auf andere ist auf lange Sicht etwas, was deutliche Folgen für die Beziehung zu uns selbst haben kann und uns deshalb in unserer Lebensqualität stark einschränken kann:
Denn im Grunde haben wir durch den Antreiber verinnerlicht: Andere sind wichtiger als ich. Wichtiger als das, was ich will oder brauche. Oft haben wir sogar komplett verlernt zu spüren, wer wir wirklich sind und was wir eigentlich wollen. „Ist mir egal, entscheide du“, „ich weiß es nicht“, „ich bin glücklich, wenn du glücklich bist“ - sind da oft genutzte Worte. Sie zeigen, wie sehr sich dieses Muster in uns verankert hat und wir uns selbst automatisch hintenanstellen. Wir laufen Gefahr, immer mehr zu geben als zu bekommen, uns stark zu überlasten, nur noch zu funktionieren, fühlen uns leer und nicht verbunden mit uns selbst, werden depressiv.
Die Erfahrung zu machen, anderen unsere Bedürfnisse zuzumuten, auch wenn das für unser Gegenüber bedeutet, dass er oder sie sich für uns einschränken muss oder jemand eventuell enttäuscht von uns ist, ist für Menschen mit diesem Antreiber eine große Herausforderung. Und gleichzeitig ist es das größte und unumgängliches Übungsfeld, wenn wir einen anderen Umgang mit einem dominanten Antreiber finden und etwas für uns ändern wollen.
Dafür mache dir immer wieder bewusst:
Das, was ich will oder brauche, zählt genau so viel wie das, was du brauchst.
Es ist ok, wenn andere für mich Kompromisse eingehen müssen.
Und vor allem: Ich bin wichtig.
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